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Tirol hört zu bestehen auf

Gedenkjahr 2009


Tirol hört zu bestehen auf


Der ärgste Schlag gegen das Tiroler Selbstverständnis und Traditionsbewusstsein war die Ausrufung der neuen Verfassung des Königreichs am 1. Mai 1808, die mit allem Althergebrachten völlig brach und einen modernen Einheitsstaat verwirklichen sollte. Die alten Provinzen als historisch gewachsene Einheiten wurden bewusst zerschlagen, an ihre Stelle traten kleinere Kreise nach rein administrativ geographischen Gesichtspunkten. Solches Vorgehen traf andere Landesteile Bayerns nicht minder hart, war also keineswegs gegen Tirol gerichtet. Tirol hörte zu bestehen auf und an seine Stelle traten nach den Hauptflüssen Inn, Eisack und Etsch benannte Kreise. Begriff und Name Tirol waren Vergangenheit, allenfalls nannte man die drei Kreise zusammen "Südbayern". Gleichzeitig verschwand die uralte landständische Verfassung, auf welche die Tiroler so stolz waren, auch wenn sie längst nicht mehr die einstige Bedeutung besessen hatte und volle Landtage kaum mehr zusammengetreten waren. Immerhin gab es noch landständische Behörden, Ausschüsse und Amtsträger; sie wurden jetzt aufgelöst bzw. abgesetzt. Vergeblich erinnerten die Tiroler an das Versprechen des Königs, ihre Sonderstellung und ihre Landesverfassung nicht anzutasten.
Durch die neue Verwaltungsstruktur verlor Innsbruck seine Bedeutung als Landeshauptstadt; das Generalkommissariat wurde in ein München unterstelltes Kreiskommissariat umgewandelt, wie es sie auch in den anderen zwei Kreishauptstädten Brixen und Trient gab. Einen großen Nachteil bedeutete es für Tirol, dass der verständige und den Tirolern gewogene Generalkommissär Graf Arco seinen Aufgabenbereich verlor und abberufen wurde. Die drei neuen Generalkreiskommissäre hatten weder ähnliche Kompetenzen noch entsprechende Verbindungen. Nur bei Maximilian Graf Lodron in Innsbruck lässt sich wenigstens das Bemühen erkennen, den Tirolern zu helfen; seine Kollegen Johann Georg Freiherr von Aretin in Brixen und Johann Graf Welsberg in Trient, ein zum treuen Diener der neuen Herrn gewandelter Tiroler, verschärften durch Übereifer und brüske Vorgangsweise sogar noch die Spannungen.


Was das Fass zum Überlauf brachte

Mit der Einführung der zentralistischen Staatsverfassung bestand kein Hindernis mehr, Tiroler zum bayerischen Militärdienst heranzuziehen, was den verbrieften Landesfreiheiten widersprach. In München wusste man wohl, was eine allgemeine Konskription für die freiheitsliebenden Tiroler bedeutete. Sie hatten unter Österreich zwar die Verpflichtung, ihr Land selbst zu verteidigen, waren aber seit Maximilians "Landlibell" von 1511 vom regulären Militärdienst ausdrücklich befreit. Dies galt als eines der wichtigsten Elemente der Tiroler Verfassung und Landesfreiheit.
Die Folge dieses missglückten Rekrutierungsversuchs waren Unsicherheit auf bayerischer und Selbstvertrauen auf tirolischer Seite. Die Widerstandsbereitschaft wuchs.
Als Anfang 1808 Gerüchte in Umlauf kamen, die Bayern würden statt der bisher üblichen freien Werbung zu ihrem Jägerbataillon die ersten Zwangsaushebungen planen, flohen die in Frage kommenden Burschen scharenweise in die Berge oder ins Ausland. So zögerte die Regierung. Und selbst als die Verfassung am 1. Mai 1808 tatsächlich in Kraft trat, wagte man es wegen der ernsten Warnungen aus Tirol nicht, den Grundsatz von der Militärdienstpflicht in die Tat umzusetzen. Weil aber Napoleon von seinen Verbündeten immer größere Leistungen an Geld und Mannschaften forderte, musste man in München Anfang 1809 alle Rücksichten fallen lassen und die Richter mit der Erstellung von Konskriptionslisten beauftragen. Schon diese Maßnahme löste in mehreren Gemeinden Unruhen und Widerstand aus, doch konnten das Militär die Ruhe meist rasch wieder herstellen und die Rädelsführer bestrafen.
Als die Behörden dann am 12. und 13. März 1809 erstmals Rekruten ausheben wollten und dafür das Dorf Axams bei Innsbruck ausersahen, versteckten sich die betroffenen Burschen in den umliegenden Wäldern. Militär schwärmte aus, um die Entlaufenen festzunehmen. Dabei kam es zu einem ernsten Zwischenfall, als eine bayerische Patrouille zwei bewaffnete junge Männer festnehmen wollte und von ihnen in die Flucht geschlagen wurde. Daraufhin wurde das Militär in Alarmbereitschaft versetzt. In einigen Dörfern läuteten erstmals die Sturmglocken. Bauern griffen zu den Waffen, nahmen Soldaten gefangen und schickten sie entwaffnet nach Innsbruck zurück.


Aus: Forcher, Michael: Anno Neun; Der Tiroler Freiheitskampf von 1809 unter Andreas Hofer; Haymonverlag 2008; Seite 22 bis 24


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