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Dreiteilung des Landes und Rückkehr zu Österreich

Gedenkjahr 2009


Die Dreiteilung des Landes

Todesurteile, Festungshaft und andere Maßnahmen zur Einschüchterung der Tiroler waren Napoleon nicht genug. Er hatte die Bedeutung dieses Berglandes erkannt und wollte seine Bewohner nie mehr als Gegner haben. Zeitweise soll der Franzosenkaiser mit dem Gedanken gespielt haben, Tirol mit eigener Verfassung direkt unter seine Herrschaft zu stellen. Auch ein Anschluss ganz Tirols an das italienische Königreich, an dessen Spitze ja sein treu ergebener Stiefsohn stand, schien im Bereich des Möglichen. Der bayerische König, seine Minister und Diplomaten wiederum bemühten sich, Tirol in seinen früheren Grenzen behalten zu dürfen.
Um den Verbündeten nicht ganz zu verärgern und andererseits das Tiroler Volk zu schwächen, entschied sich Napoleon schließlich für eine Dreiteilung des Landes. Welschtirol und der südlichste Teil des deutschsprachigen Tirol (mit Bozen) kamen zum Königreich Italien, ebenso Toblach im Pustertal, das in seinem östlichen Teil (mit Lienz und dem Iseltal) zu den Illyrischen Provinzen Frankreichs geschlagen wurde, deren Hauptstadt Laibach war. Nur der Rest von Tirol, also das heutige Nordtirol und von Südtirol das Eisacktal bis südlich von Klausen, das Pustertal westlich von Toblach sowie der Vinschgau bis südlich von Meran, blieb bei Bayern.
Der bayerische Teil Tirols wurde im Innkreis zusammengefasst; Welschtirol mit dem Bozner Raum samt Unterland bildete im italienischen Königreich das "Dipartimento dell'Alto Adige", also Hochetsch, weil auch dort gemäß französischem Vorbild die zentralistisch gelenkten Verwaltungseinheiten nach Flüssen benannt wurden. Die Gerichte Primiero, Buchenstein und Ampezzo und ein Teil des Gerichtes Welsberg wurden zum "Dipartimento della Piave" geschlagen. Die Gerichte Sillian, Lienz und das früher salzburgische Windfisch-Matrei waren von nun an "Cantone" der Illyrischen Provinz Kärnten.
Die Münchner Regierung hatte aus der traurigen Erfahrung einiges gelernt. Sie entsandte einer Anregung Napoleons folgend den Kronprinzen Ludwig als Generalgouverneur des Inn und des Salzachkreises nach Innsbruck und unterstrich damit die Bedeutung Tirols. Dem leutseligen Prinzen, der mit seiner Gemahlin Therese in der Innsbrucker Hofburg residierte und von hier aus das Land durchwanderte, gelang es auch, die Zuneigung der Tiroler zu gewinnen und zu einer gewissen Versöhnung beizutragen. Der mit ihm befreundete Generalkommissär Lerchenfeld war nach Kräften bemüht, frühere Fehler wiedergutzumachen und die Ursache berechtigter Klagen abzustellen. Zu einer radikalen Kehrtwendung entschloss man sich in der Kirchenpolitik; die meisten der verbotenen Bräuche wurden wieder zugelassen.
Dass die Bayern nun einen milderen und klügeren Kurs steuerten, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich am Zentralismus des bayerischen Staatswesens nichts änderte. Bester Beweis dafür ist die Aufhebung der Innsbrucker Universität. Der akademische Nachwuchs Tirols sollte nur mehr an der Landshuter Hochschule ausgebildet und wohl auch zu guten Bayern erzogen werden. Auch blieb die Dienstpflicht beim Militär, sie wurde aber von der enttäuschten und verbitterten Bevölkerung mit Resignation hingenommen. Zwar entzogen sich viele Burschen durch Flucht ins Ausland oder in die Berge der Konskription, doch trugen zwischen 1810 und Juni 1814 immerhin 5172 Tiroler die verhasste bayerische Uniform. Viele davon zogen mit Napoleon in die russische Katastrophe und kamen nicht wieder.
Was ebenfalls um nichts besser wurde, waren der gewaltige Steuerdruck und die Missstände im staatlichen Finanzsystem, im Gegenteil: Neue Belastungen kamen zu den alten und die Folgen der Kriegsjahre verschlimmerten die Situation. Eine unmittelbare Auswirkung der immer neuen Kriege oder strategischer Maßnahmen des Franzosenkaisers waren durchmarschierende Truppen, die einquartiert und verpflegt werden mussten. Den Innsbrucker Bürgern zum Beispiel fielen allein von Ende 1812 bis Mitte 1813 nicht weniger als 20 Generäle, 433 Stabsoffiziere, 4558 Offiziere sowie 129.829 Unteroffiziere und Mannschaften mit 23.178 Pferden zur Last.
Generalgouverneur und Generalkommissär konnten gegen die nicht selten existenzbedrohenden Belastungen bei allem Wohlwollen nichts machen. Immerhin waren sie bemüht, man wollte Tirol ja nicht zugrunderichten. Dagegen waren die zum italienischen Königreich und zu den Illyrischen Provinzen Frankreichs geschlagenen südlichen Landesteile einer Politik ausgesetzt, die auf eine skrupellose, die Substanz angreifende, ja zerstörende Ausbeutung der neu gewonnenen Länder abzielte. Aus ihnen herauspressen, was nur möglich ist, schien die Devise, war doch keineswegs gesichert, ob man sie längere Zeit behalten würde können. Warum also auf deren zukünftiges Gedeihen Rücksicht nehmen? Um ein Vierfaches zahle man jetzt an direkten und indirekten Steuern und Abgaben mehr als früher unter Österreich, klagten die Bozner Bürger. Dazu kam eine Fülle an Zöllen und Mauten und eine Unzahl von höchst erfinderisch ausgedachter Taxen und Gebühren. Dass Napoleon neben der "Geldsteuer" auch auf die "Blutsteuer" der Tiroler nicht verzichten wollte, versteht sich von selbst. So mussten auch aus den südlichen Gerichten des Landes viele junge Männer ins italienisch-französische Heer einrücken.

Die Rückkehr zu Österreich
Dass im zerrissenen Tirol keine größere Begeisterung für neuerliche Aufstandspläne aufkam, die 1811 /12 von Wien aus ins Land getragen wurden, ist mit Resignation und der allgemeinen materiellen Not zu erklären, die den Kampf um das tägliche Brot wichtiger erscheinen ließ als das trügerische Geschäft der Politik. Man hatte ja gesehen, was von den Versprechungen aus der Kaiserstadt zu halten war; man hatte bitter erfahren müssen, was ein Waffengang für Folgen haben konnte. Dabei war man 1809 noch viel stärker gewesen und hatte Österreich an seiner Seite gewusst, das jetzt mit Napoleon formell sogar verbündet war. Dementsprechend entsetzt war die österreichische Regierung, als ihr der Plan eines "Alpenbundes" bekannt wurde, der eine Erhebung der Alpenländer gegen Napoleon und seine Vasallenstaaten zum Ziel hatte. Die Verschwörung war von dem an der Tiroler Erhebung von 1809 führend beteiligten Freiherrn von Hormayr geplant und von seinem ehemaligen Unterintendanten Anton von Roschmann verraten worden.
Kaiser Franz I. höchstpersönlich verurteilte derartige Vorgänge auf das schärfste. Die Tiroler sollten geduldig warten, bis der österreichische Staatsminister Metternich die Zeit für günstig hielt, die Armee wieder aufgerüstet war und die Habsburgermonarchie Napoleon den Krieg erklären konnte. Als dies im Sommer 1813 der Fall war, wurde der Süden Tirols während eines kurzen Feldzugs im September und Oktober von österreichischen Truppen unter Mithilfe von Schützeneinheiten befreit.
In Bayerisch Tirol blieb zunächst alles ruhig. Österreichische Aufrufe und ins Land geschlichene Propagandisten fanden nur geringes Echo. Der bayerische Generalkommissär Lerchenfeld verhielt sich sehr geschickt, ging gegen Aufwiegler hart vor, forderte aber gleichzeitig die Bevölkerung auf, in Ruhe einen allgemeinen Frieden und die folgenden Verhandlungen abzuwarten. So konnte man die Hoffnung hegen, ohne eigenes Zutun bald wieder österreichisch zu werden, vor allem als Gerüchte über Verhandlungen zwischen Wien und München einen baldigen Bündniswechsel Bayerns wahrscheinlich machten.
Als dieser am 8. Oktober tatsächlich zustandekam, im entsprechenden Vertrag von Tirol aber nicht die Rede war, wurde die Situation kritisch, denn jetzt begann es auch im Innkreis zu gären. "Arbeitslos" gewordene Freiheitskämpfer aus den südlichen Landesteilen wandten sich dem Norden zu, und 1809/10 ins Ausland geflohene Tiroler kehrten voll Hoffnung auf eine Änderung der Verhältnisse heimlich nach Hause zurück. Immer offener wurde in den Gasthäusern und am Kirchplatz nach der Sonntagsmesse von der Notwendigkeit gesprochen, die Rückkehr zu Österreich wenn nötig mit Gewalt zu erzwingen. Erste Widersetzlichkeiten wie die Verweigerung von Steuern und die steigende Zahl von stellungsflüchtigen Burschen bewiesen den Ernst der Lage. Auf diversen Bauernversammlungen wurde offen die weitere Vorgangsweise besprochen, Delegationen gingen nach Wien ab. Doch war es jetzt die österreichische Regierung, die zur Ruhe mahnte und die strikte Einhaltung des bayerisch österreichischen Bündnisvertrages forderte.
Als am 11. Dezember eine große Schar von bewaffneten Bauern die Kreishauptstadt in einem kühnen Sturmlauf eroberte und wieder einmal ein bayerischer Befehlshaber aus Innsbruck flüchten musste, konnte Lerchenfeld nur mit Hilfe einflussreicher Bürger und Bauern die Ruhe und Ordnung herstellen. Auch zufällig durchziehende österreichische Soldaten wurden gegen die Unruhestifter eingesetzt. Doch die Ohnmacht der Behörden war offenkundig geworden. Jede Gelegenheit wurde benützt, um die Anhänglichkeit an Österreich zu demonstrieren und die Bayern lächerlich zu machen. Es wurde üblich, Anordnungen der Behörden einfach nicht mehr zu befolgen. Die Verwaltung stand vor dem Zusammenbruch und Anarchie drohte.
So war es höchste Zeit, dass im Frühjahr 1814 die nach der Niederringung Napoleons begonnenen diplomatischen Verhandlungen über die Wiedervereinigung Tirols mit Österreich, an der in Wien auch bei Abschluss des Bündnisvertrages mit Bayern niemand gezweifelt hatte, positiv abgeschlossen wurden. Als die Nachricht über den Regierungswechsel in Tirol eintraf, herrschte überall Jubel und Übermut. Am 26. Juni 1814 fand im Riesensaal der Hofburg der offizielle Akt der Rückerstattung des bayerischen Anteils von Tirol an Österreich statt. Auch die Gerichte Matrei und Lengberg im heutigen Osttirol, die bis 1805 zu Salzburg gehört hatten, wurden jetzt mit Tirol verbunden. 1816 wurde das Land sogar durch die bis dahin salzburgischen Gerichte im Brixental und im Zillertal sowie durch das Städtchen Vils an der Nordgrenze vergrößert.

Treue mit Undank belohnt
Die Neuorganisierung der österreichischen Verwaltung dauerte mehr als zwei Jahre. Im September 1814 schickten Vertreter von 34 Städten und Landgerichten eine ausführliche Denkschrift zum Kaiser, in der die Rechtsansprüche Tirols auf Wiederherstellung der alten Verfassung betont und verschiedene Wünsche geäußert wurden. Genützt hat es nichts, denn der Herrscher und seine Regierung waren nicht bereit, auf Bitten ihrer Untertanen einzugehen. Dabei hatten die Tiroler in Wien einen eifrigen Anwalt, nämlich Erzherzog Johann, der gern als Generalgouverneur wenn schon nicht als Landesfürst nach Innsbruck übersiedelt wäre. Doch der Kaiser wollte keine Sonderstellung Tirols und keinen Regenten, auf dessen Popularität er eifersüchtig sein musste.
Die Treue der Tiroler und ihre Verdienste in den Kriegsjahren wurde mit Undank und Misstrauen belohnt. Nicht nur, dass der Steuerdruck gegenüber der Bayernzeit noch erhöht wurde; vor allem herrschten Enttäuschung und Erbitterung, dass Wien die alte Verfassung Tirols ebenso missachtete wie vorher München. Wohl erließ Kaiser Franz I. 1816 nach einem ernüchternden Ringen der Vertreter Tirols "huldvoll" eine neue Landesverfassung, allein sie bedeutete einen Sieg des Zentralismus und Absolutismus. Wie schon unter Maria Theresia stand dem Gouverneur als Vertreter der Staatsmacht kein Landeshauptmann als Vertreter der Landesinteressen gegenüber. Auch waren im neuen Landtag wieder alle vier Stände gleich stark vertreten, obwohl es inzwischen viele Kritiker dieses Systems gab. Aber die Volksvertretung hatte ohnehin keine Kompetenzen.
Man kann verstehen, dass der Wiener Regierung jede Erinnerung an das Jahr 1809 peinlich sein musste. Damals hatte man die Tiroler aufgefordert, sich gegen die Missachtung der alten Rechte durch Bayern zu wehren; jetzt kümmerte sich Österreich genauso wenig darum. Die Behörden hatten deshalb auch nicht viel übrig für eine Verherrlichung Andreas Hofers. Als jedoch Offiziere des jungen Kaiserjägerregiments 1823 die Gebeine des Freiheitshelden in Mantua heimlich exhumierten und nach Tirol brachten, konnte die Regierung eine feierliche Beisetzung doch nicht gut untersagen. Also machte man eine Kehrtwendung und erklärte den Sandwirt zum opferbereiten Kämpfer für Österreich und Habsburg und gewährte ihm Grab und Denkmal in der Hofkirche.
Alle Enttäuschungen, die aufgebürdeten Lasten und die Spannungen zwischen Tirol und Wien konnten den Patriotismus der meisten Tiroler nicht erschüttern. Kaiser Ferdinand I., der 1835 den Thron bestieg, erfuhr dies eindrucksvoll, als er 1835 zur Erbhuldigung nach Tirol kam und überall mit Jubel empfangen wurde. Die Feierlichkeiten in Innsbruck gipfelten in einem Aufmarsch der Schützen - viele Kompanien wurden aus diesem Anlass neu gegründet oder erstmals mit einheitlichen Trachten ausgestattet und einem Festschießen am Bergisel. 1838 waren die kritischsten Jahre allerdings bereits vorbei, politisch hatte man resigniert, und die Notzeiten nach der langen Kriegsepoche waren überwunden, was die Volksstimmung positiv beeinflusste.

Aus: Forcher, Michael: Anno Neun; Der Tiroler Freiheitskampf von 1809 unter Andreas Hofer; Haymonverlag 2008; Seite 110 bis 115


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