Schützenkompanie Fließ


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Dem bitteren Ende entgegen

Gedenkjahr 2009

Dem bitteren Ende entgegen

Die Ereignisse der ersten Novemberwoche lassen den Schluss zu, dass nicht nur Hofers Schwanken und seine widersprüchlichen Anordnungen und Aufrufe die Katastrophe herbeigeführt haben, sondern dass der Kampf längst eine Eigendynamik entwickelt hatte und einzelne Anführer eigenmächtig handelten. Beides hängt natürlich eng zusammen, denn während früher eindeutige, packend formulierte "Zettel" eines energischen Oberkommandanten zum Mittun für ein klar definiertes Ziel aufforderten und durch ein gut funktionierendes Kommunikationsnetz überall verbreitet wurden, gab es jetzt meist nur unsichere Nachrichten, deren Inhalte sich nicht selten widersprachen. Und das zu erreichende Ziel war alles andere als klar.
Josef Speckbacher, der schon während der letzten Bergiselschlacht nur auf das Halten seiner eigenen Positionen im östlichen Innsbrucker Mittelgebirge und an der Volderer Brücke bedacht war, setzte den Kampf einige Tage lang in kleinen Scharmützeln weiter fort, auch nachdem Hofer General Drouet den Friedensbeschluss mitgeteilt hatte. Oft hat man den Eindruck, Speckbacher betreibe in Sorge um seinen gefangenen Buben einen ganz persönlichen Rachefeldzug. Sein Fanatismus ist erschreckend. Wäre es nicht sein Freund Josef Straub, der folgende Drohung überlieferte, man würde es nicht glauben: Wer nicht vorwärts rücken will, soll sogleich erschossen werden; es ist besser, dass die feigen Memmen sterben, als dass das Vaterland zugrunde geht. Trotzdem verweigerte der Ausschuss von Großvolderberg am 4. November die Entsendung des Landsturms, da die Leute am Berg zum Schutz ihrer Häuser daheim bleiben müssten.
Gegen die zunehmende Resignation und den allgemeinen Wunsch, das ständige Kämpfen und Fürchten sollte endlich ein Ende haben, konnte auch Speckbacher schließlich nichts mehr machen. Im ganzen Unterland herrschte ab dem 6. November Ruhe. Im Oberinntal stieß das von Drouet entsandte Korps unter General Rechberg in den ersten Novembertagen nur mehr auf vereinzelten Widerstand, der bald aufhörte.
In Südtirol ging es dagegen jetzt erst richtig los. In Bozen wusste man schon seit dem 28. Oktober offiziell vom Friedensschluss, da Erzherzog Johann nicht nur an Andreas Hofer, sondern auch an Josef Giovanelli d. Ä. einen Boten geschickt hatte. Daraufhin lichteten sich die Tiroler Kontingente, die bisher bei Lavis die Franzosen am Vormarsch gehindert hatten. Am 1. November versammelten sich in Bozen rund hundert Abgeordnete aus den meisten Gerichten des südlichen Tirol und beschlossen die Niederlegung der Waffen. Das Protokoll wurde zu Andreas Hofer nach Matrei geschickt. Josef Eisenstecken blieb mit seinen Schützen in den Stellungen bei Lavis, wurde aber vom französischen General Honore Vial zum allmählichen Rückzug gezwungen.
Währenddessen hatte General Louis de Peyri, von Vial mit 1200 Mann zur Umgehung des Tiroler Sperrriegels abkommandiert, über das Tal von Agordo, Corvara und Gröden das Eisacktal erreicht, wurde aber am 4. November am Fuße der Trostburg angegriffen. Seine Soldaten mussten den Weg mühevoll freikämpfen, auch die Enge des Kuntersweges konnten sie nur unter vielen Opfern passieren. Weil die Verteidiger es verabsäumt hatten, die Brücken abzutragen, und auch die Waffe der Steinlawinen nicht so effektiv einsetzten wie vor Monaten an der Pontlatzer Brücke und in der Sachsenklemme, entkam die Einheit um ein Drittel dezimiert nach Bozen.
Am 4. November war die Talferstadt erstmals seit Beginn der Erhebung von den Franzosen besetzt. Peyris Truppe war freilich völlig erschöpft, die Munition war ausgegangen, und als am nächsten Tag rundherum die Bauern zum Angriff auf die Stadt ansetzten, erlebten die Bozner Bürger eine ähnlich angstvolle Zeit, wie sie die Innsbrucker schon einige Male erdulden hatten müssen. Plünderungen schienen eine ausgemachte Sache, ja selbst von einer Liste mit 25 Herren, die erschossen werden sollten, wurde geredet. Doch Unentschlossenheit und mangelnde Führung der Landstürmer, denen auch die im Burggrafenamt aufgestellten, völlig intakten Schützenkompanien nicht zu Hilfe eilten, verhinderten einen Erfolg. Als sich von Süden her 2000 Franzosen der Stadt näherten, verliefen sich die Angreifer. Bald darauf kam General Vial mit der Hauptmacht, sodass 8000 Soldaten die Stadt füllten und in den angrenzenden Feldern und Gärten ihre Lager errichteten. Mit der Besetzung der Umgebung und der Organisierung einer provisorischen Verwaltung kehrte Ruhe ein.

Doch als Andreas Hofer am 5. November auf dem Nachhauseweg von Matrei über den Brenner einige Kampfgenossen traf, die von Frieden nichts wissen wollten, darunter als Wortführer den Mahrwirt Peter Mayr, begann das Unheil seinen Lauf zu nehmen. Der gewöste Oberkommandant ließ sich offenbar unter Drohungen zum willenlosen Werkzeug verantwortungsloser Hitzköpfe machen, scherte sich nicht um das Beratungsergebnis der von ihm einberufenen Delegiertenversammlung, brach sein Wort, das er dem Vizekönig und dem General Drouet schriftlich gegeben hatte, und rief erneut zum Kampf. Dass er damit dem Land jede Schonung verbaute, musste er wissen.
Als ihn ein paar Tage später die von Villach zurückreisenden Sieberer und Daney in Sterzing antrafen und ihm deshalb schwere Vorhaltungen machten, entschuldigte er sich wie Daney festhält mit den Worten: "
Ih han nit anderst könnt. Wie Sie und die Deputierten von mir fortgewest sein, und ih a han gewöllt übern Brenner fahr'n, sein sella Brixner Lump'n kemmen und hab'n mih aufg fordert, 's Volk wieder aufz'bieten. Ih han selber lang nit g'wöllt, aber es hat nicht g'nutzt, ih han gemüßt. Sie hatt'n mih derschoss'n. Sie hab'n g'sagt, sie reiß'n mier den Bart haarlweise aus, wenn ih nit aufbiet; fitz was hätt' ih g'sollt tien?" Die beiden drangen weiter in ihn, hielten ihm die Ströme zwecklos jetzt noch zu vergießenden Menschenbluts, Städte und Dörfer in Asche vor und dass er das Land in Not und Elend, tausende Familien an den Bettelstab und seine treuen Anhänger an den Galgen bringen würde, wenn er nicht augenblicklich den Landsturm abberufe. Er müsse das auf seine Seele nehmen.
Jetzt hatten sie ihn soweit, Hofer lenkte ein: "
Itz macht mir nit lang Vorwürf. Ih war selbstfroh, wenn die G'schicht a mal ein End hätt'. Itz geht nu, macht, daß 's Volk huam ziecht, ih wuaß mir nit z'helfen. Tiet mein'tweg'n, was ös wöllt, unser lieber Herrgott und die Mutter Gottes werd'n wohl all's recht mach'n." Das ließen sich Daney und Sieberer nicht zweimal sagen und verfassten einen mit 8. November datierten Aufruf, die Waffen endgültig niederzulegen. Darin heißt es unter anderem: Brüder! Gegen Napoleons unüberwindliche Macht können wir nicht Krieg führen. Von Österreich gänzlich verlassen, würden wir uns einem unheilbaren Elende Preiß geben. Ich kann euch ferner nicht mehr gebiethen, so wie ich nicht für weiteres Unglück und unvermeidliche Brandstätte gut stehen kann. Mit Hilfe mehrerer Schreiber des Landgerichts wurden zahlreiche Abschriften angefertigt, von Andreas Hofer unterschrieben und gesiegelt und sogleich in alle Richtungen ausgeschickt.
So positiv dies war, so zeigt gerade diese Episode, wie sehr Andreas Hofer in dieser letzten Phase des Aufstandes nicht mehr Herr der Lage und auch nicht mehr Herr seiner selbst war, sondern unter der Last der ihm aufgebürdeten Verantwortung zusammenbrach. Denn wohl zog er sich am 9. November ins Sandwirtshaus in St. Leonhard zurück, doch seine friedliche Gesinnung und Einsicht ins Unabwendbare dauerte ganze drei Tage, dann ließ er sich von dem immer enger werdenden Kreis von Fanatikern schon wieder umstimmen. Zum zweiten Mal brach er sein Wort.
In der Zwischenzeit war einiges passiert. Im Pustertal waren auf Hofers Aufruf vom 5. November hin beachtliche Sturmscharen und Schützen in Bewegung. Der schon am 1. November über Lienz vorgestoßene General Rusca war zwar noch ohne große Probleme bis Bruneck gekommen, wurde aber am 8. November an der Mühlbacher Klause aufgehalten und verlor beim Durchbruch 500 Mann, was der Markt schrecklich zu büßen hatte. Die Franzosen konnten daraufhin das ganze Tal besetzen und marschierten vorsichtig, aber ungehindert nach Bozen. Der kämpfenden Truppe folgte General Louis Comte Baraguay d'Hillers, der vom Vizekönig Eugene Beauharnais mit der Befriedung und Neuorganisation Tirols beauftragt worden war.
Im Rücken der weitergezogenen Hauptmacht setzten sich die Bewohner des Iseltales gegen die Besetzung durch die Franzosen zur Wehr. Unter den "Insurgentenchefs" taten sich besonders Johann Panzl und Anton Wallner aus WindischMatrei hervor. Der Markt (heute Matrei in Osttirol) hatte bis 14. Oktober 1809 zu Salzburg bzw. seit 1805 zu Österreich gehört. Mit dem Tiroler Volksaufstand hatten seine Bewohner bis dahin nichts zu tun gehabt, Panzl und Wallner waren allerdings den Aufrufen Hofers, Speckbachers und Haspingers gefolgt, hatten sich mit Erfolg an der Mobilisierung des Pinzgaus und des Pongaus beteiligt und bei den dortigen Gefechten an der Seite der Tiroler gekämpft. Jetzt schlossen sie zusammen mit den Vertretern der Gerichte Virgen, Kals, Defereggen und WindischMatrei in Peischlach einen "Separatfrieden" mit den Franzosen. Die Besetzung der Iseltaler Orte durch einige wenige Soldaten verlief daraufhin friedlich.
Im Oberinntal machte sich Hofers Schwanken besonders nachteilig bemerkbar und führte zu mehreren sinnlosen Kämpfen, denn die dortigen Hauptleute kannten den Friedensaufruf vom B. November noch nicht, als sich die Bayern am 10. November dem Markt Imst näherten. Der Landsturm griff ungestüm an, die heftigsten Gefechte entwickelten sich am folgenden Tag an der Arzler Brücke und beim Weiler Gunglgrün, der Widerstand war aber bald gebrochen. Trotzdem rückten weitere Einheiten nach, mit ihnen begab sich auch Jakob Sieberer als Friedensbote und Ruhestifter ins Oberland. In Sieberers engerer Heimat, dem Unterinntal mit seinen Seitentälern, kamen da und dort noch einige Hauptleute zu geheimen Treffen zuammen, doch galt dies nur dem Austausch von Informationen und Meinungen, kämpferische Absichten hatte man begraben.
General Drouet hatte Andreas Hofers Bitte befolgt, den am Bergisel geschlagenen Bauern nur langsam nachzurücken. Zunächst hatte er die Umgebung der Landeshauptstadt und das ganze Inntal gesichert, dann am Bergisel die Reste der Tiroler Schanzwerke abtragen und den Wald roden lassen. Erst dann besetzten seine Soldaten Schönberg, Matrei und die Orte des Mittelgebirges. Am 10. November überschritten die ersten Einheiten den Brenner, passierten ungefährdet die gefürchtete Eisackschlucht und trafen am 12. November in Brixen auf die Truppen des Generals Baraguay.


Hochspannung in Meran und im Passeier

Jetzt waren nur noch Meran, das Passeiertal und der Vinschgau ohne Besatzung. Die Befehle zum Abgeben der Waffen wurden dort aber auch schon verkündet. Das Einsammeln ging nicht ohne Unmutsäußerungen und sehr schleppend über die Bühne, der dafür zuständige General Vial drohte der Stadt Meran am 11. November mit dem Niederbrennen, und am Martinimarkt anwesende Bauernburschen holten sich die bereits gesammelten Büchsen aus dem Rathaus. Die Erregung wuchs.
Im Passeiertal war inzwischen alles auf Frieden eingestellt, selbst die Forderung, Schlachtvieh ans heranrückende französische Militär zu liefern, wurde ohne Zögern und Murren erfüllt. Im Sandwirtshaus gingen wichtige Leute und solche, die es gerne gewesen wären, ein und aus. Jeder hatte Wünsche und gute Ratschläge für den abgetretenen Oberkommandanten. Unter den Besuchern häuften sich bald höchst bedenkliche Elemente. Es waren dann auch nicht mehr in erster Linie fanatische, aber immerhin ehrliche Kommandanten, die in Hofer den Stimmungsumschwung herbeiführten. Laut übereinstimmenden Aussagen einiger Zeitgenossen war es jetzt eher ein wilder Haufen, waren es zum Teil rauflustige Burschen und durch die Kriegsereignisse heruntergekommene Männer, zum Teil Leute, die ausständige Löhnung einforderten oder auf Beute aus waren, vielleicht gar auf das Geld, das Hofer aus Wien bekommen hatte, womöglich auch auf das später nicht mehr auffindbare Sammelgeld für Schwaz. Dass man Hofer wieder bedroht hat, steht fest, wahrscheinlich hat man um ihn leichter gefügig zu machen wieder Schnaps in seinen Wein geschüttet, wie es schon früher beobachtet worden war. Dazu kommt, dass Pater Haspinger "rechtzeitig" wieder zur Stelle war. Und dass just in dem Moment Briefe des unseligen Johann von Kolb eintrafen, in dem dieser von glänzenden Siegen über die Franzosen im Pustertal faselte. Zuletzt schwappte noch die Erregung über die gescheiterte Waffenübergabe in Meran ins Passeiertal hinein.
Wahrscheinlich hätte gar nicht so viel zusammenkommen müssen, um Hofer zum Schwanken und schließlich am 11. November zum Entschluss zu bringen, den Krieg entgegen allen bisherigen Aufrufen und Versicherungen fortzusetzen. Fast alle Gerichte in Tirol ersuchen mich, gegen den Feind auf zu sein. Brüder, es ist nur um ein Kleins zu tun. Wenn wir nachgeben ist Glaube, Religion, Volk und alles hin. Wer widerstrebt, ist ein Feind Gottes und des Vaterlandes. So lautete einer der Aufrufe, die Hofers Schreiber Kajethan Sweth zu Papier brachte. Der in Graz geborene junge Mann hatte in Salzburg studiert, war vor den Bayern ins befreite Tirol geflohen, wo er an den Augustkämpfen teilnahm und als Kanzleischreiber während Hofers Regierungszeit dessen Sympathie und Vertrauen gewann. Seitdem blieb Sweth immer in der Nähe des Oberkommandanten, auch nach dessen "Abdankung", während Matthias Purtscher, ebenfalls durch Monate Hofers Schreiber, aber mit dessen schwankenden Aktionen nicht immer einverstanden, am B. November seinen Abschied nahm.
Zum wiederholten Mal brachten Hofers Boten zu Ross und zu Fuß seine Aufrufe in alle Täler. Das Echo war allerdings nicht überall positiv. In Mais zum Beispiel predigte der Pfarrer, ein gegebenes Wort müsse man halten, und der Ausschuss dieser Gemeinde verweigerte sich Hofer mit dem Argument: Gestern die Waffen hergeben, heute Krieg anfangen, was für ein Unsinn! Doch die allgemeine Erregung war noch nicht wirklich verebbt, die erlittenen Wunden zu frisch, um nicht doch bei dem einen oder anderen unterdrückte Rachegedanken wachwerden und einen letzten Hoffnungsschimmer auf bessere Zeiten auftauchen zu lassen. Auch wirkten Lügen und Drohungen. Wer wusste schon, ob die Bayern und Franzosen entgegen allen Versprechungen nicht doch ein Strafgericht abhalten würden. Insofern bewirkte der kompromisslos strenge Ton der Proklamation des Vizekönigs Eugene Beauharnais vom 12. November, derzufolge jeder erschossen werden sollte, der noch zu den Waffen griff oder auch nur eine Waffe versteckt hielt, vielleicht das Gegenteil dessen, was beabsichtigt war, und, war Wasser auf die Mühlen derer, die den Widerstand predigten.
Am meisten erreichten die Werber im Passeiertal und im Vinschgau, obwohl sich dort, in seiner engeren Heimat, Josef Daney um Beschwichtigung bemühte. Ohne viel Erfolg. Im Gegenteil, man beschimpfte den Friedensboten als Lügenpfaff, nahm ihn gefangen und führte ihn auf Anordnung Andreas Hofers ins Passeier. Dort sollte er später mit seinem Freund und Gesinnungsgenossen Jakob Sieberer zusammenkommen, der im Auftrag der Bayern im Oberinntal für die Beschwichtigung der Bevölkerung tätig gewesen war und von den neuerlich aufgewiegelten Bauern als Landesverräter und Spion niedergeschlagen, eingesperrt und ebenfalls zum Sandwirt gebracht wurde.


Küchelberg und St. Leonhard

Am 13. November marschiert General Rusca mit rund 2000 Mann nach Meran, und weil alles ruhig bleibt, lädt er Hofer für den nächsten Tag zu seiner Tafel. Als der Sandwirt nicht erscheint und man dem Franzosen meldet, er werde von seinen Leuten festgehalten, schickt der General etwa die Hälfte seiner Mannschaft ins Tal hinein, um nach dem Rechten zu sehen. Das ist das Signal für den neuerlichen Ausbruch der Feindseligkeiten. Drei Passeirer Kompanien erwarten die Franzosen und schlagen sie durch ihr gut gezieltes Feuer in die Flucht. Am Tag darauf versucht Rusca einen Vorstoß in den Vinschgau, muss aber angesichts der aufgebotenen Sturmmassen das Unternehmen abbrechen und aus Bozen Verstärkung anfordern.
Mehr als Hofers Laufzettel bewirken diese Siegesmeldungen, dass der alte Kampfesmut tatsächlich da und dort wieder erwacht. Andreas Hofer ist inzwischen vom Sandwirtshaus nach Saltaus gezogen. Von dort verschickt er seine Kampfaufrufe. Auf einem fügt er als Nachsatz die Bemerkung bei: Das muss ich Euch melden, wenn ich nicht selbst ein Opfer meiner eigenen Leute werden will. Ist ein Oberkommandant, der solches schreibt, noch Herr der Lage?
Am 16. November gruppieren sich beide Seiten am Meraner Küchelberg zum Gefecht. Die Tiroler erwarten den Angriff des gedrillten Heeres wie schon am Bergisel nicht in ungeordneten Haufen, sondern in durchdachter Schlachtordnung. Den rechten Flügel von der Marlinger Brücke über Algund bis Dorf Tirol bilden durchwegs Stürmer und Schützen, die hier oder in der nächsten Umgebung zu Hause sind. Im Dorf Tirol und dahinter stehen die Mannschaften aus dem Passeier und viele Vinschgauer. Am linken Flügel bis hinunter zur Straße nach Bozen sind wieder ortsansässige Kämpfer postiert, in der Hauptsache Kompanien und Landsturmeinheiten aus Schenna und Mais.
Den Beginn machen die Tiroler, die Ruscas zentrales Bataillon trotz heftigsten Geschützfeuers aus seiner Höhenstellung werfen. Der Vorteil geht aber verloren, als die Franzosen sich auf Schloss Tirol festsetzen. Stundenlang tobt der Kampf bei kühlem Herbstwetter mit äußerster Heftigkeit hin und her. Im stärker werdenden Regen wird das Schießen unmöglich, weshalb sich die Schützen mit dem Gewehrkolben auf den Feind werfen und die Landstürmer ihre Mordinstrumente wirkungsvoll einsetzen. Am späten Nachmittag geraten Ruscas Truppen immer mehr in die Defensive und müssen sich schließlich in die Meraner Häuser retten. Um nicht eingeschlossen zu werden, verlässt der General die Stadt im Schutz der Nacht. Wie schon nach den Bergiselschlachten in Innsbruck verhindern Siegestaumel und Erschöpfung eine rasche Verfolgung des Feindes, dennoch erleiden die Franzosen auf ihrem Rückzug weitere schwere Verluste. Denn bei Burgstall haben die Landstürmer die Straße abgetragen und Steinlawinen aufgeschichtet, was sich auf die ohnehin schon geschlagene Truppe verheerend auswirkt.
Die französische Besatzung in Bozen anzugreifen und vielleicht ganz aus dem Land zu vertreiben, scheint manchen Kommandanten jetzt durchaus möglich. Da kommt die Meldung, eine französische Einheit von über 1000 Mann überquere den Jaufen. Ihr Auftrag ist eigentlich, General Rusca in Meran die Passeirer vom Hals zu halten. Dafür kommen sie zu spät. Doch sie bedrohen das von Verteidigern entblößte Tal und die gegen Bozen vorrückenden Tiroler insgesamt. Also kehrtmachen und den Feinden einen gehörigen Empfang bereiten! Dass es gelingt, dieses Korps in St. Leonhard aufzuhalten, einzuschließen und nach fast viertägigem Kampf am 22. November zur Kapitulation zu zwingen, ist der letzte große Erfolg der Tiroler.


Andreas Hofers dunkelste Stunden

Erschöpft und entsetzt über die hohen Verluste dieser einen Woche, die letztlich auch keine Entscheidung gebracht hatte und die Übermacht nur ärgern, keinesfalls bezwingen hatte können, verliefen sich die Landesverteidiger. Ernüchtert nach all dem Kampfesrausch, stellten sich wohl immer mehr die Frage, was von den Versprechungen ihrer Anführer zu halten sei. Woher und wann sollte denn die immer wieder angekündigte Hilfe kommen? Der große Napoleon würde sich das kleine Land nicht nehmen lassen! Es war vorbei.
Nur eine kleine besoffene und gröhlende Horde feierte mit Hofer in seinem Gasthaus den Sieg und seinen Geburtstag. Der Sandwirt war ein gänzlich anderer geworden. Zeugen dieser Tage nehmen die schwere psychische Krise auch als äußere Veränderung wahr, sprechen von wirrem Blick, fahrigen Bewegungen, einer kreischenden Stimme. Wein und Schnaps werden auch ihre Wirkung getan haben. Auch die Umgangsformen, die Art der Beratungen, wenn es überhaupt noch solche gab, waren andere geworden. So wird früher undenkbar in Hofers Verantwortungsbereich ein der Spionage beschuldigter Landstürmer ohne lange Diskussionen abgeurteilt und erschossen. Und selbst seine früheren Freunde, Berater und Abgesandten Josef Daney und Jakob Sieberer werden nicht anders behandelt.
Hofer hatte die beiden, die in den vorangegangenen Wochen stets zum Frieden geraten und auch nach seinem Umschwenken versucht hatten, in diesem Sinn auf die Leute Einfluss zu nehmen, als Gefangene ins Passeiertal bringen lassen. Landesverräter, Franzosen und Bayernfreunde, Spione seien sie. Dies hält er Sieberer vor, den man zuerst vorführt, und als der sich verteidigen will: Halt's Maul. Ich lass dich und den Pfaffen totschießen für eure Lügen und alle, die den Frieden verkünden. Wie könnte der Kaiser einen so schlechten Frieden eingehen und die Tiroler so unglücklich machen? Als Sieberer auf den Knien bittet, einen Abschiedsbrief an seine Frau schreiben zu dürfen, lehnt Hofer ab. Seitdem ist der Unterinntaler Schützenkommandant über Tage in einem finsteren Loch eingesperrt, selbst Wasser und Brot verwehrt man ihm. Dem Tode nahe findet ihn Daney, als er in denselben Kerker geworfen wird. Mit ihm spricht Hofer persönlich gar nicht mehr, sondern lässt ihm das Todesurteil durch seinen Bruder überbringen. Am nächsten Morgen soll es vollzogen werden.
Sieberer und Daney verdanken ihr Leben einem 3000 Mann starken französischen Korps, das gerade jetzt über den Jaufen angerückt kommt und vor dem alles Reißaus nimmt. Doch das friedliche Bild der inzwischen verschneiten Landschaft täuscht. Hofers letzte Aufrufe und die dadurch ausgelösten Kämpfe, Plünderungen und die Füsilierung mehrerer mit Waffen erwischter Tiroler lässt da und dort immer wieder Wut und Hass aufflammen und auch die biedersten Leute zu den Waffen greifen, nicht im patriotischen Eifer oder aus irgendwelchem Fanatismus, sondern zum Schutz der eigenen Dörfer und Höfe.
Manchmal aber auch, weil immer noch Lügner und Aufhetzer ihr gnadenloses Spiel mit der uninformierten Bevölkerung treiben. Auch weit weg vom Schauplatz des Endkampfes. Zum Beispiel im Paznauntal, wo es am 24. November erstmals in diesem Jahr zu Kämpfen kommt, die durch das Aufgebot von über 100 Bäuerinnen und Dirnen eine gewisse Berühmtheit erlangt haben. Selbst des Pfarrers Schwester und Häuserin soll sich den Stutzen eines verwundeten Kappelers geschnappt und eifrig geschossen haben, während hinter ihr der Pfarrer das Nachladen besorgt hat.
Einer allgemeinen Beruhigung gar nicht förderlich war auch die wachsende Zahl aus eigener Schuld oder als Opfer des Krieges heruntergekommener Leute, die Rache geschworen hatten, oder bloßer Raufbolde, die das Kämpfen nicht mehr lassen konnten. Dieses ehrlose Gesindel, wie es Daney formuliert, lockte zum Beispiel durch Zusammenrottungen und Drohgebärden mehrmals starke Militäreinheiten ins Passeiertal, meist liefen sie dann auch schon wieder auseinander, aber nicht selten hatten Unschuldige darunter zu leiden.


Erst am 8. Dezember kehrt Frieden ein

Bis in den Dezember hinein kommt es in vielen Tälern zu kleineren Scharmützeln und verlustreichen Gefechten, am wenigsten im Inntal, wo Speckbachers Bemühungen ohne Erfolg bleiben. Dagegen reicht des Mahrwirts Einfluss zu mehreren größeren Aktionen. So wird in Klausen die Garnison vertrieben, belagert der Landsturm sowohl Brixen als auch Bruneck einige Tage lang ohne Erfolg. Im Drau und Iseltal sorgen Kolbs Überredungskünste und Lügen dafür, dass es zumindest unruhig bleibt. Landstürmer überfallen kleine französische Posten, und am 1. und 2. Dezember wird bei der Lienzer Klause sogar das komplette Korps eines französischen Generals in ein ausgedehntes Gefecht verwickelt, in dessen Verlauf mehrere Tiroler getötet werden. Den allerletzten Waffengang wagen die Iseltaler, als sie am 8. Dezember den Einmarsch von einigen hundert Franzosen schon vor Ainet stoppen.
Von nun an herrschte überall Ruhe. Die Folge dieser letzten, sinnlosesten Phase des Aufstandes seit dem 15. November waren eine große Zahl von Blutopfern und hunderte Brandruinen. Allein am 6. Dezember gingen als Strafe für die Belagerung Brixens die Dörfer Vahrn, Kranabit, Neustift, Elvas, Miland und die Fraktionen von Pfeifersberg mit 200 Höfen und 28 Ansitzen in Flammen auf. Und von den wahrscheinlich rund 1000 gefallenen Tirolern der Kriege und Aufstände zwischen 1796 und 1814 entfiel kein geringer Teil auf diese wenigen Wochen.


Die Opfer der Tiroler Freiheitskriege - überlieferte Namen aus Fließ:

  • Runs: Mark Josef, Bauer, 1796 im Spital von Mantua, unbekannt ob an Wunden oder anderen Krankheiten gestorben
  • Gallmigg: Wille Peter; Bauer, 1796 im Spital von Mantua, unbekannt ob an Wunden oder anderen Krankheiten gestorben
  • Hochgallmigg: Walch Johann, Bauer, 1796 im Spital von Mantua, unbekannt ob an Wunden oder anderen Krankheiten gestorben; Kathrein Josef, 24.09.1796, zu Verona im Spital; Wille Jenewein, 18.10.1799, zu Verona im Spital; Senn Tobias, 02.01.1800, zu Verona im Spital; Zangerl Johann Georg, vor April 1800, zu Verona im Spital; Zangerl Josef, vor April 1800, zu Verona im Spital; Falch Josef, Bauer, 1800, Murnau, im Treffen zu Murnau im Baiern vor dem Feinde gefallen; Stuemer Martin, Bauer, 1800, Murnau, im Treffen zu Murnau im Baiern vor dem Feinde gefallen; Widerin Thomas, Bauer, 08.08.1809, Prutz bei der Pontlatzbrücke von einer feindlichen Kugel getötet



Quelle:

  • Forcher, Michael: Anno Neun; Der Tiroler Freiheitskampf von 1809 unter Andreas Hofer; Haymonverlag 2008; Seite 95 bis 104
  • Rundschau - Ausgabe Landeck; Nr. 44; 25. Jahrgang, 29. Oktober 2009; Seite 34 und 35


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