Schützenkompanie Fließ


Direkt zum Seiteninhalt

An der Pontlatzer Brücke

Gedenkjahr 2009


An der Pontlatzer Brücke


Am selben Tag, an dem Rusca der Eintritt ins Pustertal verwehrt wurde, erlitt das bavaro-französische Heer eine zweite Katastrophe. Jenes Korps, das Lefebvre ins Oberinntal geschickt hatte, um über den Reschenpass ins südliche Tirol vorzustoßen, wurde in der Talenge zwischen Landeck und Prutz vollkommen aufgerieben. Das Ereignis ist mit dem Namen der Pontlatzer Brücke verbunden, wo sich Ähnliches schon 1703 ereignet hatte.
Am 4. August hatte ein Teil der Division Deroy Innsbruck verlassen und marschierte, immer wieder kleinere Abteilungen zur Sicherung wichtiger Ortschaften zurücklassend, bis Landeck, wo sich das Korps wieder sammelte und am 8. August Richtung Reschen weitermarschierte. 1400 Mann mit einiger Kavallerie und zwei Kanonen waren es, die sich auf der engen, zum Teil in den Fels gehauenen Reichsstraße in die mehrere Gehstunden lange Schlucht wagten. Rechtzeitig hatte diesen Wahnwitz aber offenbar niemand bemerkt. Und es scheint auch niemand der Verantwortlichen gewusst oder sich daran erinnert zu haben, was fast auf den Tag genau vor 106 Jahren an dieser Stelle einer bayerischen Truppe Schreckliches passierte.
Am anderen Ende der Schlucht warteten schon die Aufgebote der umliegenden Gerichte, die laufend durch neu eintreffende Kompanien aus dem Vinschgau und herbeieilende Bewohner der Umgebung verstärkt wurden. Einige der hinter Felsen postierten Verteidiger wurden schon früh von Reitern der Avantgarde entdeckt, doch die Kommandanten zeigten sich nicht sehr beunruhigt. Wie weit dabei die Konkurrenz des bayerischen Obersten von Burscheidt, der als ranghöchster Offizier der Truppe offiziell das Kommando innehatte, zum französischen Verbindungsoffiziers Vasserot eine Rolle spielte, ist schwer zu sagen. Der Franzose war ein Protegé höchster Militärkreise und offenbar ein von Lefebvre mitgeschickter "Aufpasser", wenn nicht gar wie ein bayerischer Militärhistoriker meint der eigentliche Befehlshaber der Truppe und soll Warnungen mit höhnischer Selbstüberschätzung zurückgewiesen haben.
Um die weitermarschierende Kolonne aufzumuntern, ließ Oberst Burscheidt die Trommler und Pfeifer lustige Märsche spielen. Mit klingendem Spiel gingen wir in die Falle, schreibt Sundahl im erwähnten Brief. Noch blieb alles ruhig, dann tauchte eine mächtige Felswand auf, die das rechte Innufer vollständig versperrt und auch von den mariatheresianischen Straßenbauern nicht hatte bezwungen werden können. Es geht nur auf der anderen Seite des Flusses weiter, wo sich das Tal in die Tullenau weitet. Die Brücke von Pontlatz führt hinüber. 1703 hatten die Verteidiger diese Brücke abgetragen, 1809 war sie intakt.
Als ein Gutteil der Truppe die Brücke passiert hatte, schickten die seitlich an den Hängen aufgestellten Schützen ihre ersten Salven ab. Erst jetzt erkannten die Bayern die tödliche Gefahr, in der sie sich befanden. Verwundete und Gefallene behinderten das Fortkommen; das Geknalle der Gewehre und der Klang der Sturmglocken aus den Kirchtürmen der Umgebung ließ die Pferde scheuen. Die Marschordnung war im Nu aufgelöst. Trotzdem gelang es, eine Kompanie zur Bewachung der Brücke abzustellen und mehrere Stoßtrupps auf die bewaldeten Höhen zu schicken. Sie sollten das Flankenfeuer zum Schweigen bringen, was nach einigen Stunden tatsächlich gelang.
Währenddessen erkämpfte sich Burscheidt mit der Hauptmacht den Zugang zum Weiler Entbruck, in dem es wieder auf die andere Innseite geht, direkt in den Ort Prutz. Zum Entsetzen des Kommandanten und seiner Mannschaften war hier die Brücke abgetragen von den Frauen, wie die örtliche Überlieferung zu berichten weiß. Im Sperrfeuer der in den Häusern beiderseits des Flusses liegenden Schützen war es unmöglich, sie wieder herzustellen. Als auch ein Durchbruchsversuch nach Ladis hinauf scheiterte, ließ Burscheidt die Häuser des Weilers anzünden und gab Befehl zur Umkehr im Schutz der hereinbrechenden Dunkelheit. Die völlig erschöpften und hungrigen Soldaten mussten die inzwischen an vielen Stellen blockierte Straße erst wieder passierbar machen. Dann kam man endlich zurück zur Brücke. Die Passage schien zu gelingen, da prasselten die ersten Steinlawinen von den steilen Hängen und brachten Tod und Verderben, schleuderten Menschen, Rösser und ein Geschütz in den reißenden Fluss.
Die schon auf der anderen Seite des Flusses waren, liefen um ihr Leben und glaubten sich gerettet, da versperrten Verhaue den Weg. Waren diese weggeräumt, polterten Felsbrocken und Baumstämme herab. Immerhin entkam von diesem Bataillon eine größere Zahl heil oder verwundet dem Inferno. Für Burscheidts Leute war kein Entkommen. Ihnen hatten die Steinlawinen nicht nur schwerste Verluste zugefügt, sie hatten auch die Straße unpassierbar gemacht. Der Oberst musste Befehl geben, sich für den Rest der Nacht in die Tullenau zurückzuziehen. Dort wurde die Truppe am nächsten Tag von den Tirolern so heftig bedrängt, dass Burscheidt Verhandlungen aufnehmen und mit 800 Mann in Gefangenschaft gehen musste. Der Jubel der fast 1000 Bauern, die wie Burscheidt erfahren musste den Sieg ohne gemeinsamen Kommandanten erfochten hatten, war dementsprechend groß, die reiche Beute von hundert Pferden, zahlreichen Gewehren und einer Kanone höchst willkommen.
Die paar hundert Mann, die sich unter der Führung eines Major von Büllingen nach Landeck gerettet hatten, waren nur mehr darauf bedacht, sich zusammen mit der dort zurückgelassenen Besatzung nach Innsbruck durchzuschlagen, was angesichts der überall zum Kampf eilenden Tiroler schwer genug war. Die heftigsten Gefechte entwickelten sich im Raum Imst-Karres und an der dortigen Innbrücke, die von den Bayern nicht gehalten werden konnte bald gehörte die Brücke uns, bald den Tirolern, schreibt der bayerische Infanterist Josef Deifl , sodass Büllingen über Nassereith und das Mieminger Plateau ausweichen musste. Von den ausgezogenen 1700 Mann kamen nur 400 nach Innsbruck zurück, der Rest war tot oder gefangen.



Aus: Michael Forcher; Anno Neun, Der Tiroler Freiheitskampf von 1809 unter Andreas Hofer; Heymonverlag; Seite 63 - 65)


Startseite | Kontakt | Haftungsausschluss | Statuten | Grundsätze | Gedenkjahr 2009 | Geschichte | Vereinsinfo | Fotos | Termine | Links | Sitemap


Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü